Viele Menschen, die erkennen: „Ich habe ein Alkoholproblem“, versuchen zunächst einen Entzug zuhause, auf eigene Faust, ohne mit ihrem Arzt zu sprechen, ohne Partner, Familie oder Freunde zu informieren. Zu groß sind oft die Schuld- und Schamgefühle, die mit der Suchterkrankung verbunden sind. Die meisten brechen den Entzug in Eigenregie schon nach sehr kurzer Zeit wieder ab oder werden schnell wieder rückfällig. Warum ist es so schwer, alleine vom Alkohol loszukommen?

Abruptes Absetzen des Suchtmittels kann zu starken Entzugserscheinungen führen

Wer viele Jahre getrunken hat, gewöhnt seinen Körper an das Suchtmittel. Wenn die Substanz dann plötzlich, von einem auf den anderen Tag nicht mehr zugeführt wird, reagiert der Körper mit Entzugserscheinungen, z. B. mit Zittern, Schweißausbrüchen, Übelkeit oder Schwindel und das meist schon wenige Stunden nach dem letzten Schluck. Und als wären die sehr belastenden körperlichen Beschwerden nicht schon schlimm genug, kommen auch noch psychische Symptome hinzu wie Depressionen, Angst- und Panikattacken. Auch nachts schlagen die Entzugssymptome bei einem abrupten Absetzen unerbittlich zu – Schlafstörungen lassen keinen Raum für Erholung. Zusätzlich kreisen die Gedanken um das nächste Glas Wein, Wodka oder Schnaps. Craving nennt man dieses schier unstillbare Verlangen nach dem Suchtmittel.

Besonders gefährlich wird es, wenn der Entzug epileptische Anfälle, Krämpfe oder ein Delirium tremens auslöst. Dieses Risiko besteht insbesondere bei Menschen mit einem hohen Alkoholkonsum über viele Jahre. Tritt der Super-Gau des Gehirns namens Delirium tremens ein, werden die Abhängigen von Ängsten überflutet, sie verlieren ihre Orientierungsfähigkeit und fangen an zu halluzinieren. Dabei sehen sie Dinge, die gar nicht da sind. Man kennt das aus filmischen Darstellungen, wenn Käfern über Arme und Beine laufen, sich vermehren, über den ganzen Körper verteilen und von der Filmfigur wild fuchtelnd mit weit aufgerissenen Augen bekämpft werden. Dabei sind die Insekten nur ein übler Spuk ihres Gehirns. Im Weiteren kann das Delirium zu Bewusstseinstrübungen, Koma und schließlich zum Tod führen.

Die Gefahr eines Delirium tremens bei einem kalten Entzug, d. h. bei einem abrupten Stopp des Alkoholkonsums, wird in der Literatur mit 5-15 % angegeben. Es erfordert unbedingt eine ärztliche und in vielen Fällen auch eine intensivmedizinische Behandlung – die Sterberate eines unbehandelten Delirs liegt bei 20%!

Erfolglose Abstinenzversuche können Versagensgefühle verstärken

Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele Alkoholabhängige den Entzugsversuch schon nach wenigen Stunden, beim Auftreten der ersten Symptome, abbrechen – oft mit dem Gefühl, es nicht geschafft zu haben. Im ungünstigsten Fall kann ein solcher, erfolgloser Entzugsversuch Minderwertigkeits- und Versagensgefühlen noch verstärken und damit den idealen Nährboden für den abermaligen Griff zum Alkohol als Betäubungsmittel unerträglicher Gefühle bereiten.

Was viele nicht wissen: Eine Suchterkrankung ist nicht alleine auf Umweltfaktoren zurückzuführen, sondern unterliegt auch genetischen Einflussfaktoren, die derzeit Gegenstand der Forschung sind.

Ein ärztlich begleiteter Entzug zu Hause kann aber unter bestimmten Bedingungen funktionieren

Ein kalter, abrupter Entzug alleine ist selbst für Menschen mit einer ausgeprägten Abhängigkeit aufgrund der körperlichen und psychischen Belastungen kaum zu schaffen und aufgrund der damit verbundenen Risiken auch nicht zu empfehlen. In frühen Stadien der Sucht, in der körperliche Entzugssymptome nur gering sind, ist eine ambulante Entzugsbehandlung möglich. Eine hohe Eigenmotivation ist eine wichtige Voraussetzung für ein Gelingen des Vorhabens, ebenso ein solides Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient sowie ein tragfähiges soziales Umfeld. Nahe Angehörige müssen unbedingt über mögliche körperliche und psychische Entzugssymptome informiert sein. Und allen Beteiligten sollte bewusst sein, dass ein Entzug mit Konflikten und Krisen einhergeht und damit eine große physische und psychische Belastung für alle darstellt. Im Vorfeld ist daher eine umfassende Aufklärung über das, was auf die Beteiligten zukommt, unerlässlich.

Wer neben Alkohol auch Cannabis und andere Substanzen konsumiert oder Begleiterkrankungen hat, sollte allerdings von einem Entzug zu Hause absehen, da hier die Gefahr weiterer Komplikationen besteht. Ungeeignet ist eine begleitete Entgiftung daheim auch dann, wenn sich bereits bei früheren Versuchen starke ​Symptome wie Zittern, Schwitzen, Herzrasen, Unruhe etc. eingestellt haben, die man als Hinweise auf ein drohendes Delir deuten könnte oder wenn früher epileptische Krampfanfälle aufgetreten sind.

Körperlicher Entzug zu Hause nicht ohne begleitende Entwöhnung

Wenn der körperliche Entzug erfolgreich war, ist nur die erste Etappe auf dem Weg zur Abstinenz geschafft. Nun ist es noch wichtig, die psychischen Ursachen der Alkoholsucht aufzudecken und alternative Strategien im Umgang mit den auslösenden Situationen zu finden. Ärzte sprechen hier von der sogenannten Entwöhnung.

Der Prozess der Entwöhnung dauert wesentlich länger als der körperliche Entzug, dessen schlimmste Symptome nach etwa einer Woche vorbei sind. Das psychische Verlangen nach dem Suchtmittel (Craving) kann jedoch auch Monate nach dem körperlichen Entzug noch fortbestehen. Befinden sich suchtbegünstigende Faktoren im privaten bzw. häuslichen Umfeld, ist es umso schwerer nicht wieder zum Glas oder der Flasche zu greifen, sondern abstinent zu bleiben.

Wer einen Entzug in seinem gewohnten Umfeld schaffen will, benötigt daher neben einer guten ärztlichen Betreuung und einem starken Willen auch eine längerfristige suchtspezifische psychologische Betreuung und Therapie, in der Strategien im Umgang mit die Sucht triggernden Situationen erlernt werden. Leider ist es so, dass eine Sucht nie ganz verschwindet, sondern dauerhaft im Suchtgedächtnis gespeichert bleibt. Ein Leben jenseits der Sucht bedeutet damit auch ein Leben ohne einen Tropfen Alkohol und das wiederum bedeutet, dass man genau wissen muss, wo sich kleinste Spuren Alkohol in Lebensmitteln verstecken. Hierzu gibt es auch Bücher von ehemaligen Betroffenen wie Diana Beate Hellmann, die praktische Lebenshilfe zu einem Leben ohne Alkohol bieten.

Was, wenn ein Entzug zu Hause nicht möglich ist?

Wenn ein Entzug zu Hause aufgrund ungünstiger Rahmenbedingungen, Begleiterkrankungen, einem langjährigen Konsum oder Mischkonsum keine Option ist, sollte man in eine Klinik gehen. Ein Entzug außerhalb des häuslichen Umfeldes hat zudem auch viele Vorteile: Man gewinnt erstmal Abstand zu den typischen Auslösern (Triggern), bei denen man üblicherweise zur Flasche greift. Außerdem ​stehen rund um die Uhr Ärzte und Pflegekräfte zur Verfügung, die körperliche und psychische Beschweren lindern können.

Nicht zu vernachlässigen ist auch die stärkende Wirkung des Austausches mit anderen Betroffenen. Das Gefühl: Mir geht es nicht alleine so, die anderen verstehen mich, kann unglaublich entlastend sein. Zudem sehen sie, dass andere Patienten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben und es trotzdem schaffen, ihre Sucht zu überwinden. Das kann der eigenen Motivation einen ungeheuren Schub verleihen.

Wie findet man eine gute Entzugsklinik?

In Deutschland gibt es eine Reihe von spezialisierten Entzugskliniken für gesetzlich Versicherte sowie Privatkliniken, die einen besonders großen Wert auf Diskretion und Anonymität legen. Letztere sind besonders geeignet für Betroffene, die Angst haben, dass ihre Suchterkrankung öffentlich werden könnte, sei es, weil sie wichtige Ämter im öffentlichen Leben oder der Wirtschaft bekleiden oder einfach, weil die Sucht bisher noch gut vor Familien und Freunden verheimlicht werden konnte. Für diese Menschen sind spezialisierte Entzugskliniken ideal, die den körperlichen Entzug und die Entwöhnung auf einen Zeitraum von 4 Wochen konzentrieren. Eine solche Zeitdauer kann nach außen hin noch gut als längerer Urlaub argumentiert werden.

Wer Angst vor einem Klinikaufenthalt hat, kann sich über Literatur ehemaliger Betroffener informieren, wie ein stationärer Entzug abläuft, daneben kann man Suchtberatungsstellen kontaktieren oder direkt in einer Klinik anrufen. Für jeden gibt es einen individuellen Weg, von der Sucht loszukommen.

Autorin: Frau Dr. Grassnickel
Datum: 28.07.2022
Bildquelle: © stock.adobe.com @ LIGHTFIELD STUDIOS Datei Nr. 30691632

Quellen und weiterführende Links:

  • Batra, AnilMüller, Christian A.Mann, KarlHeinz, Andreas. Abhängigkeit und schädlicher Gebrauch von Alkohol. Diagnostik und Behandlungsoptionen. Dtsch. Ärzteblatt. Int 2016; 113: 301-10; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0301
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung. Personalisierte Medizin. Alkoholabhängigkeit: Eine System-orientierte Herangehensweise.
  • MyWay betty Ford. Entzugsklinik Alkohol. Suchtbehandlung
  • Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS)

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