Die Anthroposophische Medizin wurde im Jahr 1920 von Dr.phil. Rudolf Steiner und der Ärztin Ita Wegmann begründet. Elementare Basis der Anthroposophischen Medizin ist die klassische Schulmedizin und nur schulmedizinisch ausgebildete Ärzte und Ärztinnen dürfen sie auch praktizieren. Als besondere Therapierichtung ist sie in Deutschland in das 5. Sozialgesetzbuch (SGB V) aufgenommen.

Die Anthroposophische Medizin als Integrative Medizin

Die Anthroposophische Medizin hat ihre Wurzeln in der wissenschaftlich basierten, klassischen Schulmedizin, doch zugleich ist sie ganzheitlich und der Patient steht bei ihr in einem außerordentlich lebensnahen Focus.

Anthroposophische Ärzte vertreten eine liberale und humanistische Weltanschauung. Geprägt ist die integrative Anthroposophische Medizin insgesamt durch ein besonderes Weltverständnis, ein besonderes Verständnis des Menschen, die Einbeziehung ethischer Grundhaltungen und die Einbeziehung der Steiner´schen Philosophien.

Aus den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen zur Position von Gut und Böse, zur Position von Freiheit und freiem Denken, zum Individualismus und der Liebe zur Handlung, resultiert bei anthroposophischen Ärzten, Therapeuten und Pflegenden ein weites, tiefes und selbst reflektierendes Verständnis, aus dem heraus sie den Patienten bei ihrem Wirken ins Zentrum stellen.

Neben diagnostischen und therapeutischen Konzepten wie der Dreigliedrigkeit, werden dem Menschen konzeptionell vier spezielle Wesensglieder zugeteilt, die in ihrer individuellen Ausprägung von großer Bedeutung für anthroposophische Ärzte und Therapeuten sind. Auch Heilung durch Kunst und Spiritualität spielen eine Rolle in der Anthroposophischen Medizin. Übungen zur Gelassenheit und Konzentration schulen das Denken und das soziale und individuelle Verhalten. Zusätzlich zu den körperlichen Aspekten bezieht die anthroposophische Medizin auch Geist und Seele ein und vertritt damit einen ganzheitlichen Ansatz.

Anthroposophische Praxen, Kliniken und andere Einrichtungen

Praktizierende Anthroposophische Ärzte und Kliniken kann man in allen auch sonst präsenten schulmedizinischen Fachrichtungen finden. Daher gibt es weltweit neben vielen niedergelassenen anthroposophischen Ärzten in sämtlichen schulmedizinischen Fachrichtungen mehr als 20 Kliniken, in denen Anthroposophische Medizin praktiziert wird. Bei anthroposophischen Kliniken handelt es sich um übliche Akutkrankenhäuser mit gesetzlichem Versorgungsauftrag, um Fachkliniken, Belegkliniken und Reha-Einrichtungen. Darüber hinaus gibt es in Deutschland weitere anthroposophische Einrichtungen wie Pflegeheime, Pflegedienste und auch heilpädagogische Einrichtungen.

Therapien und Arzneimittel

Die Anthroposophische Medizin sieht bei der integrativen Behandlung der Patienten verschiedene Therapien und Arzneimittel vor. Wie behandelt wird, ergibt sich auch aus der Diagnose der einzelnen Wesensglieder des Patienten. Die Wahl der Therapie und/oder Maßnahme erfolgt nach der Indikation. Zur Verfügung stehen folgende Verfahren, um die Selbstheilungskräfte und die schöpferischen Kräfte anzuregen:

  • Therapie mit Anthroposophischen Arzneimitteln
  • Äußere Anwendungen, u.a. therapeut. Bäder, Wickeln, Auflagen
  • Körpertherapie, u.a. Rhythmische Massage, Massagetherapie nach Simeon Pressel
  • Heileurythmie (eigenständiges Therapieverfahren)
  • Psychotherapie
  • Kunsttherapie
  • Krankenpflege

Anthroposophische Arzneimittel (AMP) basieren vor allem auf der besonderen Beziehung zwischen Mensch und Natur. Verabreichen lassen sie sich auf verschiedene Weise. Innerlich zum Einsatz kommen sie entweder in Form von Globuli, Verreibungen, Tropfen, Tropfenmischungen und Suppositorien oder in Form von Injektionen oder topischen Arzneimitten wie z.B. Ohrentropfen, Augentropfen oder Vaginaltabletten. Äußerlich kommen dagegen nicht nur Salben, Gele oder Öle zur Anwendung, sondern auch Auflagen oder Wickel, die neben stofflichen Wirkungen zusätzliche therapeutische Effekte durch z.B. Wärme, Ruhe oder Feuchtigkeit haben.

Kurz zusammengefasst, finden pflanzliche, mineralische, metallische und tierische Wirkstoffe Anwendung. Die Wirkstoffe stammen u.a. von Bienen, Ameisen oder Schlangen. Ihre Wirksamkeit ist in Studien erforscht. In der Regel dienen diese Arzneien dazu, die Selbstheilungskräfte im Organismus anzustoßen. Oft bestehen sie aus einer Wirkstoffmischung und nur in Ausnahmefällen, wie etwa bei der Mistel in der Tumortherapie, wird der klassische Einzelwirkstoff eingesetzt.

in der anthroposophischen Medizin können auch die Therapeuten akademische Abschlüsse oder zertifizierte Ausbildungen nachweisen.

Ansprüche in der Anthroposophischen Medizin

Diese besondere Therapierichtung will jedoch nicht nur ihrem hohen wissenschaftlichen und praktischen Anspruch genügen, sondern rückt zugleich die Individualität des einzelnen Menschen in ihr Zentrum. So ist es vor allem Aufgabe der anthroposophischen Ärzte in der Diagnostik und Therapie, die körperliche, lebendige, seelische und geistige Vielfalt des einzelnen Patienten zu erfahren und mit ihrem medizinischen Wissen, mit ihrem Gewissen und ihrer Erfahrung in Einklang zu bringen. Nicht zuletzt richten sie ihre Entscheidung immer individuell nach den Werten und Bedürfnissen des Patienten aus.

Anthroposophische Medizin hat ein besonderes Menschenverständnis: Die vier Wesensglieder

In der Anthroposophischen Medizin wird der Mensch nicht nur auf seinen Körper reduziert, sondern er organisiert sich in vier Wesensgliedern, die miteinander in einer Wechselbeziehung stehen. Diese Wesensglieder sind bei jedem Menschen individuell ausgeprägt. Jedes einzelne Wesensglied des Patienten liefert dem Arzt nach dem Verständnis der Anthroposophischen Medizin wichtige Informationen und Erkenntnisse, die ergänzend und erweiternd zur Diagnostik der klassischen Schulmedizin erhoben werden können und insofern über die übliche Diagnostik der Schulmedizin hinausgehen.

Während gespürte Symptome dabei den fleischlichen Körper des Patienten als physische Organisation betreffen, betreffen Berichte, z.B. über Erschöpfung oder mangelnde Vitalität das Wesensglied der Lebensorganisation. Angst und innerer Schmerz zählen als seelische Beschwerden dagegen zur Empfindungsorganisation. Als Ich-Organisation fragt der Patient bei einer Erkrankung nach dem Sinn oder der Perspektive und der Bedeutung für sein Leben und seine Zukunft.

Ich-Organisation

Die Ich-Organisation steht als Wesensglied in Beziehung zu Individualität und Geist und ist das Zentrum der Persönlichkeit. Sie ist das unvergängliche Wesen und bildet nicht nur die Grundlage fürs Selbstbewusstsein, sondern auch für das selbst bestimmte Erleben und Handeln. Die Ich-Organisation besitzt die Fähigkeit, sich lebenslang weiter entwickeln zu können, sie gestaltet Körper und Seele und kann zugleich in die Seele und den Körper eingreifen. Auch das Denken und Fühlen ist mit ihr verknüpft. Zugeordnet wird der Ich-Organisation die Verbindung zur Wärme, denn vor allem über die Wärme verbindet sie sich mit dem Leib.

Astralische Organisation (Empfindungsorganisation)

Das zweite Wesensglied in der Anthroposophischen Medizin ist die Astralische Organisation, auch als Empfindungsorganisation bezeichnet. Sie steht in Beziehung zur Seele und bildet die Grundlage für die Entwicklung des Bewusstseins, die Fähigkeit zur Empfindung, die Bewegung und abbauende Stoffwechselprozesse. Ihre Verbindung besteht zur Luft. Die Astralische Organisation wird auch als Seelenorganisation bezeichnet. Zu ihr zählen verschiedene seelische Kräfte. Neben Gefühlen sind dies die Fähigkeit zur bewussten Wahrnehmung, zu Wünschen und einen Willen zu entwickeln. Die Seelenorganisation wohnt im physischen Leib und bildet die Grundlage für unsere Autonomie. Auch Fähigkeiten wie Beziehungsfähigkeit, das Eingehen von Bindungen, Mitgefühl, Zuwendung und Abwendung gehören zur Seelenorganisation.

Ätherische Organisation (Lebensorganisation)

Die Ätherische Organisation, auch als Lebensorganisation oder vom Begründer selbst als Ätherleib oder Lebensleib bezeichnet, ist mit den Lebensprozessen und Bildeprozessen verknüpft. Dieses Wesensglied schafft die Basis für Wachstum, Regeneration, Heilungsprozesse, die Gesundung und aufbauende Stoffwechselprozesse. Verbunden ist sie mit dem Festen und Mineralischen, das dem Element Erde entspricht. Auch das salutogenetische Vermögen, das den fließenden individuellen Entwicklungs- und Erhaltungsprozess von Gesundheit beschreibt, wird der Lebensorganisation zugeschrieben. Der Ätherischen Organisation werden auch die Selbstheilungsprozesse zugeordnet.

Physische Organisation

Das vierte Wesensglied ist die Physische Organisation. Sie steht in Beziehung zum Körper und zur Gestalt und bildet auch die Basis für die räumliche und sichtbare äußere Gestalt. Sie ist rein stofflich aufgebaut.

Wie stark die Ich-Organisation des Patienten mit seinem Körper verbunden ist, erfahren Ärzte beispielsweise durch den Blick. Der Blick des Patienten zeigt, wie anwesend oder abwesend er ist. Ein Blick kann von einem kräftigen Ich erfüllt sein oder leer sein und damit auf ein geschwächtes Ich hindeuten. Ein geschwächtes Ich sehen anthroposophische Ärzte etwa bei Suchtkranken oder Drogenabhängigen.

Bedeutung von Schlaf und Tod in der Anthroposophischen Medizin

Die Sichtweise der Anthroposophischen Medizin in Bezug auf Schlaf und Tod prägt maßgeblich auch die praktische Vorgehensweise, indem sie besonderen Einfluss auf Palliativmedizin, Sterbebegleitung, Geburtshilfe und Kinderheilkunde nimmt. Diese Medizinrichtung geht sowohl von einem Leben nach dem Tode, wie auch von einer vorgeburtlichen Existenz aus.

Ebenfalls bei Schlaf und Tod spielt die Auftrennung des ganzheitlich betrachteten Menschen in seine einzelnen Wesensglieder eine maßgebliche Rolle. So wird davon ausgegangen, dass sich während des Schlafes die beiden Wesensglieder Geist und Seele vollständig von der Lebensorganisation und der Physischen Organisation trennen und erst mit dem Wachwerden in den Körper zurückkehren, um sich erneut wieder mit ihm zu verbinden. Träume treten besonders in den Übergangsphasen mit dem Durchdringen auf.

Beim Tod dagegen trennen sich nicht nur die beiden höheren Wesensglieder Seele und Geist vollständig vom Körper ab, sondern und auch die Lebensorganisation, so dass letztlich nur der rein stoffliche Körper verbleibt. Das lebendige, seelische und geistige Wesen stirbt nicht, während der Körper aber dem stofflichen Zerfall preisgegeben ist.

Anthroposophische Medizin geht von einer Funktionellen Dreigliederung aus

Prägenden Einfluss übt auch das Konzept der Funktionellen Dreigliederung auf die Anthroposophische Medizin aus. In dem Konzept geht es um die Verbindungen des lebendigen, geistigen und seelischen Wesens im Menschen, die er mit seinem Körper eingeht.

Von Bedeutung ist dabei das:

  • Nerven-Sinnessystem, das mit Entwicklung des Bewusstseins für die eigene äußere und innere Welt und deren Wahrnehmung durch die Sinne verbunden ist
  • Stoffwechsel- und Bewegungs-(Gliedmaßen)-System, das in Verbindung mit dem Funktionsstoffwechsel und der Willensaktivität steht
  • Rhythmische System, dem zahlreiche Pole und Funktionen zugeordnet werden, z.B. Atmung und Herzfrequenz, Blutdruck, Schlaf-Wachrhythmus, Nervensystem, Hormone oder Verdauung, deren Störung mit die Ursache für viele Erkrankungen darstellt

Kosten und Kostenübernahme für Anthroposophische Medizin

Bei gesetzlich Krankenversicherten werden die Behandlungen beim niedergelassenen Anthroposophischen Arzt mit einer Kassenzulassung von den Gesetzlichen Krankenversicherungen übernommen. Gleiches gilt auch für die stationäre Behandlung in einer Anthroposophischen Einrichtung. Anders verhält es sich allerdings bei ambulant verordneten Therapien, die etwa die Rhythmische Massage, Heileurythmie oder Kunsttherapie betreffen. Diese Kosten müssen in der Regel vom Versicherten selbst getragen werden, Möglich wird die Kostenübernahme für Gesetzlich Krankenversicherte über einen Rahmenbetrag zur Integrierten Versorgung, die vom Dachverband der Anthroposophischen Medizin (DAMID) entwickelt wurde und an dem verschiedene Krankenkassenbeteiligt sind. Neben der gesetzlichen Zuzahlung besteht für den Patienten eine Zuzahlung in Höhe von 10 Prozent der Behandlungskosten. Anthroposophische Arzneimittel werden je nach gesetzlicher Krankenkasse nicht, ganz, teilweise oder nach bestimmten Voraussetzungen übernommen.

Bei Privat Krankenversicherten hängt die Kostenübernahme für Anthroposophische Medizin vom Leistungsumfang des abgeschlossenen Tarifs ab.

Autor: Katja Schulte Redaktion | Datum: 10.02.2022

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