Die meisten Menschen verbinden mit dem Wort „bitter“ etwas Negatives, dennoch halten Mediziner und Ernährungsexperten Bitterstoffe für bedeutend. Heute weiß man, dass Bitterstoffe nicht nur die Verdauung unterstützen, sondern auch den Blutzuckerspiegel senken. Außerdem zeigen sie bei einer Vielzahl von Erkrankungen positive Wirkungen und bieten in der Forschung Ansätze für neue Therapeutika. Andere Studien zeigten, dass Bitterstoffe das Potential besitzen, Heißhunger und der Sucht nach Süßem entgegenzuwirken.
Schon seit der Antike nutzt man Bitterstoffe medizinisch
Während die gesunden Bitterstoffe schon bei Hippokrates und der Klosterfrau Hildegard von Bingen eine bedeutende Rolle in der Gesundheit und Ernährung spielten, sind heute in vielen von Natur aus bitteren Nahrungsmitteln nur noch geringe Spuren enthalten.
Denn bitteres Gemüse und bitteres Obst ist nicht bei allen Verbrauchern gefragt, so dass das Angebot an bitterstoffhaltigen Lebensmitteln bis heute insgesamt geringer geworden ist.
Bitterstoffe in fernöstlichen Kulturen
Ein fester Platz gebührt den gesundheitsfördernden bitteren Substanzen aber nach wie vor in fernöstlichen Kulturen. Der bittere Geschmack ist fester Bestandteil alternativmedizinischer Heilmethoden wie Ayurveda und der Traditionellen Chinesischen Medizin.
Bitterer Geschmack in der Traditionellen Chinesischen Medizin
Der bittere Geschmack zeichnet sich in der Traditionellen Chinesischen Medizin durch besondere energetische Wirkungen aus und wird sowohl dem Element Feuer wie auch dem feuchten Wetter zugeordnet. Bitterstoffe zählen zum Funktionsbereich „Herz und Dünndarm“, wirken trocknend und finden unter anderem bei innerer Feuchtigkeit wie Wasseransammlungen, Entzündungen wie beispielsweise schleimbildenden Beschwerden im Nasen- oder Rachenraum sowie zur Stärkung von Herz, Kreislauf und Verdauung Anwendung.
Doch bitter ist nicht gleich bitter
In der TCM unterscheidet man nicht nur zwischen einzelnen pflanzlichen Substanzen und ordnet sie den typischen Geschmacksrichtungen wie süß, sauer, scharf, bitter und umami zu, sondern die einzelnen Pflanzensorten weisen auch fein abgestufte verschiedene Temperaturverhalten auf, mit denen ein gestörtes Gleichgewicht der Kräfte im Körper wieder hergestellt werden kann.
Bitter schmeckende Pflanzen mit „kalten“ Merkmalen kommen daher in der TCM bei Erkrankungen und Beschwerden zum Einsatz, die mit Fieber, Entzündungen, Rötungen oder unangenehmem Brennen einhergehen, während Pflanzen der Geschmacksrichtung bitter mit „kühlenden“ Merkmalen bei leichtem Fieber sowie sommerlicher Hitze angewendet werden. Diese beruhigen das Herz in stressigen Situationen und kühlen den Körper. Pflanzensorten mit bitter-kühlenden Merkmalen werden therapeutisch unter anderem bei Gallensteinen, eitriger Akne, Bluthochdruck oder zu hohem Cholesterin genutzt.
Dagegen finden „heiße“ Pflanzen bei Kälte und Schüttelfrost Einsatz. „Warme“ Pflanzen dienen zur Behandlung allgemeiner Kreislauf- oder Körperschwäche und leichtem Frösteln. Ein weiteres Temperaturkriterium bilden „neutrale“ Pflanzen. Ihre Merkmale üben normalisierende Wirkung auf Körperfunktionen auf.
So erklärt sich, dass bitter nicht gleich bitter ist. Pflanzen mit Bitterstoffen unterscheiden TCM-Experten insbesondere nach ihrem Temperaturverhalten und ihrer Wirkungsart.
Kühlend wirken bitterschmeckende pflanzliche Produkte wie beispielsweise Rucola Salat, Endiviensalat, Chicorée, Artischocken, Aloe Vera, Zucchini, Spargel und Auberginen. In die kühlend wirkende Kategorie fallen auch pflanzliche Erzeugnisse wie Grüntee, eine Vielzahl von Kräutertees und heißes Wasser. Hierzu zählen auch Gewürze wie Kurkuma und Wildkräuter wie Löwenzahn.
Rooibostee und Schwarztee zählen in der Traditionell Chinesischen Medizin dagegen zu den neutral wirkenden bitteren Stoffen. Wärmend wirken bittere Genussmittel wie Kaffee, Getreidekaffe, Kakaopulver und Rotwein. Bittere Gewürze mit wärmender Wirkung sind besonders Thymian, Rosmarin, Oregano und frisches Basilikum.
Maßvoller Umgang wird empfohlen
Im Übermaß sowie bei bestimmten Erkrankungen und Befindlichkeiten wird Bitteres allerdings in der Traditionell Chinesischen Medizin als schwächend eingestuft und gilt als nicht empfehlenswert. Insbesondere bei trockener Haut, trockenen Augen und Verstopfung wirken eher Bitterstoffen ungünstig. Zuviel Kaffee, Schwarztee, Grüntee und dunkler Kakao belasten nicht nur das Herz, sondern können auch zu innerer Unruhe und Verstopfung führen.
Von Bitterstoffen raten TCM-Experten bei zahlreichen Erkrankungen und Beschwerden ab
Von Pflanzen und Produkten mit Bitterstoffen wird Personen abgeraten, die unter innerer Trockenheit leiden. Innere Trockenheit kann sich beispielsweise durch Anzeichen wie trockene Haut, trockene Augen oder auch Verstopfung äußern.
Auf bitter-wärmende Pflanzen und Produkte sollten Personen mit Durchblutungsstörungen oder Osteoporose verzichten. Auch bei Haarausfall, innerer Unruhe, Schlafstörungen Magenbeschwerden wird in der Traditionellen Chinesischen Medizin von der Anwendung abgeraten.
Auf bitter-kühlende Pflanzen und Produkte sollten dagegen untergewichtige Personen und welche, die zu häufigem Frieren neigen, verzichten.
Was genau sind Bitterstoffe?
Bei den sogenannten Bitterstoffen handelt es sich hauptsächlich um bioaktive Substanzen, wie sie von zahlreichen Pflanzen zum Schutz vor Fressfeinden gebildet werden. Diese zählen zur Familie der sekundären Pflanzenstoffe und kommen natürlich in zahlreichen pflanzlichen Lebens- und Genussmitteln vor.
Als Bitterstoffe (Amaru) bezeichnen Experten alle Substanzen, die beim Menschen spezielle signalgebende Rezeptoren für die Geschmacksrichtung „bitter“ im hinteren Teil der Zunge aktivieren. Auf der menschlichen Zunge sitzen insgesamt 25 unterschiedliche Typen der funktionellen Bitterrezeptoren, die dadurch angesprochen werden können.
Obwohl im Hinblick auf die Bitterrezeptoren im menschlichen Körper weiterer Forschungsbedarf besteht, ergaben sich bereits Hinweise darauf, dass neben der Zunge auch einige Organe über Bitterrezeptoren verfügen. Diese Rezeptoren dienen jedoch nicht der Geschmackswahrnehmung, sondern übernehmen verschiedene andere Funktionen. Beispielsweise setzen spezielle Bitterrezeptoren im Darm und im Atemtrakt antimikrobielle Substanzen frei und unterstützen so das Immunsystem. In Magenzellen nehmen sie dagegen positiven Einfluss auf die Magensäuresekretion.
Bitterstoffe können gegen Heißhunger wirken
Andere Untersuchungen ergaben, dass Menschen mit Übergewicht den bitteren Geschmack intensiver empfinden als Menschen mit einer schlanken Linie.
Besonders Bitterstoffkonzentrate haben sich im Kampf gegen Heißhunger bewährt
Um schnell eine größere Menge der gesunden Bitterstoffe verfügbar zu machen, eignen sich spezielle Produkte mit Bitterstoffen. Erhältlich sind solche Bitterstoffkonzentrate etwa in Form von Bitterstoffsalben, Säften und Sprays mit Bitterstoffen oder als Bitterstofftinkturen, die tropfenweise zum Einsatz kommen.
Solche bequemen Lösungen haben mittlerweile zahlreiche Menschen mit Übergewicht, Heißhunger oder einem hohen Konsum an Süßem für sich entdeckt.
Bitterstoffrezeptoren spielen auch auf Krebszellen eine Rolle
Gemeinsame Untersuchungen und Auswertungen der Universität Wien und des Leibniz-Instituts für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München (LSB) zur Funktion von Bitterstoffrezeptoren auf Krebszellen und in Krebsgeweben ergaben, dass Bitterrezeptoren der Krebszellen physiologische Funktionen besitzen, die sich nicht nur dazu eignen könnten, entsprechenden Erkrankungen vorzubeugen, sondern auch sie zu therapieren.
So sehen Wissenschaftler in den Bitterstoffrezeptoren zusätzliche Angriffspunkte für Krebsmedikamente (Zytostatika), die es in Zukunft weiter zu erforschen gilt.
Unter anderem konnten Forscher bereits nachweisen, dass durch die gezielte Aktivierung der Rezeptoren krebshemmende Mechanismen in der Zelle angeregt wurden. Es kam zu verschiedenen Effekten, so nahm unter anderem auch der programmierte Zelltod (Apoptose) von Krebszellen durch Bitterstoffe zu. Diese Erkenntnisse wurden in Verbindung mit dem Aromastoff Homoeriodictyol in einer Mundspüllösung gewonnen. Das bittermaskierende Flavonoid wurde daraufhin untersucht, ob es bei Krebspatienten, die mit einer Chemotherapie behandelt werden und dadurch neben Geschmacksstörungen an einer verstärkten Bitterwahrnehmung leiden, wieder eine normale Nahrungsaufnahme fördern kann.
Bitterstoffe sind für die Verdauung unverzichtbar
Für die beiden Verdauungsorgane Galle und Leber sind die bitteren Substanzen notwendig, denn sie fördern die Bildung der zur Verdauung wichtigen Magen- und Gallensäuren. Durch eine hohe Zufuhr von Bitterstoffen kann die Produktion der wichtigen Verdauungssäfte entsprechend erhöht und die Organe bei der Verdauung entlastet werden. Ernährungsmediziner bewerten die bitteren Lebensmittel als Teil der ausgewogenen Ernährung.
Dennoch mögen die meisten Menschen die Geschmacksrichtung „bitter“ nicht, so dass sie aus Überzeugung auf bitteres Obst und Gemüse verzichten. Die Geschmacksrichtung bitter zählt neben der Geschmacksrichtung „sauer“ tatsächlich zu den Unbeliebtesten und wird häufig bewusst gemieden.
Lebensmittelproduzenten haben auf diesen Trend reagiert, was mittlerweile dazu führte, dass bei den meisten ursprünglich bitteren Sorten Obst und Gemüse ein Großteil der gesunden Bitterstoffe und Säuren herausgezüchtet worden sind. Auch von vielen Apfelsorten ist dies bekannt. Die Folge ist, dass die heutige Ernährung weniger dieser gesunden Substanzen liefert. Zwar gelten Bitterstoffe unter Experten nicht als lebensnotwendig, dennoch werden einige Organfunktionen durch sie unterstützt.
Ältere Sorten Obst und Gemüse sowie Salate verfügen naturgemäß über einen deutlich höheren Bitterstoffanteil und Säureanteil als Neuzüchtungen. Bittere Sorten Salat, Obst oder Gemüse erhält man bei einigen Erzeugern und auch auf vielen Wochenmärkten. Vorsicht ist allerdings geboten, wenn der Kürbis und die Zucchini oder Gurke aus dem eigenen Garten bitter schmeckt. Hier könnten sich gefährliche Giftstoffe (Courbitane) gebildet haben. Vom Verzehr bitterer Kürbisse, Zucchini und Gurken raten Experten unbedingt ab.
Verschiedene Bitterstoffe können bei Appetitlosigkeit helfen.
Nebenwirkungen
Bitterstoffe können auch Nebenwirkungen auslösen. Experten raten von der Anwendung der Bitterstoffe bei einigen Erkrankungen ab. Etwa bei einer Übersäuerung des Magens oder bei Magengeschwüren oder Zwölffingerdarmgeschwüren regen Bitterstoffe die Magensäurebildung an, so dass es speziell bei solchen Erkrankungen zu einer Verschlimmerung der Symptome kommen kann.
Schwangeren und Stillenden wird von der Einnahme alkoholischer Bittertropfen abgeraten.
Welche Lebensmittel enthalten die gesunden Bitterstoffe?
Zu den Lebensmitteln mit hohen Bitterstoffgehalten zählen Salate wie Endivien, Rucola, Radicchio oder Chicorée. Bei den Gemüsesorten zeichnen sich besonders Brokkoli, Grünkohl, Mangold, Auberginen und Fenchel durch einen hohen Bitterstoffgehalt aus. Aber auch Rosenkohl, Artischocken und Wirsing besitzen nennenswerte Anteile an Bitterstoffen. Unter den Obstsorten verfügen besonders Grapefruits, Zitronen und Bitterorangen über höhere Anteile der gesunden bitteren Substanzen.
Um den bitteren Geschmack im Salat abzumildern, empfiehlt sich beispielsweise ein Süße gebender Balsamicoessig. Im Bittergemüse kann dagegen in Apfel ausgleichend wirken.
Neben Knoblauch sind auch verschiedene Samen, Kräuter und Gewürze reich an den kostbaren bitteren Molekülen. Dies gilt nicht nur für Ingwer, Senf oder Kurkuma, sondern auch für Anis, Oregano, Basilikum, Thymian, Rosmarin Fenchel und Wildkräuter wie Kardamom und Löwenzahn.
Auch manche Genussmittel enthalten bittere Substanzen
Beliebte bitterstoffhaltige Genussmittel sind Kaffee, Getreidekaffee, und dunkle Schokolade mit einem hohen Kakaoanteil. Daneben besitzen auch Kräutertees, Schwarztee, Rotbuschtee, Grüntee, darunter insbesondere der Sencha-Tee, hohe Anteile der wertvollen Bitterstoffe.
Bekannt für ihren hohen Bitterstoffanteil sind außerdem Spirituosen wie Magenbitter oder Kräuterbitter. Neben einer Kombination aus verschiedenen Kräutern und Gewürzen erfreuen sich Erzeugnisse aus Bitterorangen, Wacholder oder Wermuth hoher Beliebtheit. Getrunken werden Kräuterschnäpse gern als „Absacker“ nach einem reichhaltigen Essen, während sich Erzeugnisse aus Bitterorangen, Wermuth oder Wacholder besonders als Aperitif oder als Zutat für Longdrinks eignen. Rotwein besitzt ebenfalls bittere Inhaltsstoffe.
Autor: Katja Schulte Redaktion
Datum: 02.10.2026
Bildquelle Titelbild© RDNE Stock project auf pexels
Quellen und weiterführende Informationen:
Zur Rolle von Bitterrezeptoren bei Krebs. Pressemitteilung der Universität Wien/Fakultät für Chemie und des Leibniz-Instituts für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München (LSB). 03.12.2021 (abgerufen am 02.10.2026)
Zehentner, S.; Reiner, A.T.; Grimm, C.; Somoza, V. The Role of Bitter Taste Receptors in Cancer: A Systematic Review. Cancers, 2021, 13, 5891.
Katharina Ziegelbauer. Der bittere Geschmack und seine Wirkungen in der TCM.
Prof. TCM (Univ. Yunnan) Li Wu. TCM für jeden Tag. Mankau Verlag GmbH. 2. Auflage 2014
Heike Kreutz. Mehr bittere Lebensmittel auf den Teller. Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) 26.02.2025
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