Misst der Body Mass Index nicht differenziert genug?

KILOGRAMM UND KÖRPERGRÖSSE SIND AUSSCHLAGGEBEND

Der Body Mass Index (BMI), den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert hat, dient als universale Berechnungsgrundlage, um ungesundes Übergewicht oder Untergewicht bei Erwachsenen vom Normalgewicht abzugrenzen. Der Body Mass Index hilft die Notwendigkeit von medizinischen und therapeutischen Massnahmen zu beurteilen und kann den Ausschlag für eine auf den Patienten abgestimmte Adipositastherapie oder die Behandlung von Untergewicht geben. Aber aus mehreren Gründen steht die Klassifikation als alleiniger Indikator in der Kritik. Während für Kinder altersabhängige Tabellen zur Ermittlung des Körpergewichts genutzt werden, gibt es für Erwachsene im Alter zwischen 18 und 65 Jahren nur eine allgemein gültige Formel, die keine weiteren Faktoren berücksichtigt als Kilogramm und Körpergröße.

Der Body Mass Index berechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm, das durch die Körpergröße im Quadrat zu teilen ist. Als normalgewichtig gelten Erwachsene mit einem BMI-Wert zwischen 18,5 und 25. Erhält man aus der Formel zur Ermittlung des Body Mass Index einen höheren BMI-Wert als 25, ist man übergewichtig, ab einem BMI-Wert von 30 gilt man als fettleibig (adipös) und behandlungsbedürftig. Ein BMI-Wert unter 18,5 weist dagegen auf ein Untergewicht hin, das ebenfalls behandlungsbedürftig sein kann.

KRITIK AM BODY MASS INDEX ALS ALLEINIGE ERMITTLUNGSGRUNDLAGE 

Vielen ist der Body Mass Index als alleinige Grundlage zur Ermittlung von ungesundem Körpergewicht zu wenig, denn er kann verschiedene Parameter, die  außer Gewicht und Körpergröße relevant sind, nicht in die Auswertung miteinbeziehen. Zu den Faktoren, die der Body Mass Index nicht berücksichtigen kann, zählt etwa die Zusammensetzung der Körpermasse, die Form der Fettverteilung, das Alter und auch das Geschlecht. Gilt der Body Mass Index als alleinige Bewertungsgrundlage, besteht möglicherweise die Gefahr einer falschen Therapieentscheidung.

Körperfettanteil beim Body Mass Index ist nicht messbar

MUSKELMASSE WIEGT SCHWERER ALS FETT

Ein spezieller Faktor, der sich im Body Mass Index nicht abbilden lässt, aber der trotzdem die Beurteilung von ungesundem Körpergewicht deutlich beeinflusst, ist der Körperfettanteil, den hochwertige Messverfahren entsprechend zuverlässig ermitteln können.

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BMI

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Weil Fett wesentlich leichter ist als Muskelmasse, kann der BMI-Wert eines gut trainierten Sportlers viel höher sein und ein behandlungsbedürftiges Übergewicht ergeben, trotzdem es sich nicht um ungesundes Körperfett handelt, das therapeutische Massnahmen erfordert. Besonders bei Kraftsportlern und Bodybuildern kann der Body Mass Index deshalb allein oft keine aussagekräftigen Ergebnisse liefern. Im Gegensatz dazu, kann mancher gut ernährte und durchtrainierte Athlet, der sportartbedingt sehr auf sein Gewicht achten muss, aber auch als untergewichtig gelten.

Daneben können auch Personen mit höherer Knochendichte ein verfälschtes Ergebnis erhalten, wenn bei ihnen allein der Body Mass Index zur Ermittlung von ungesundem Körpergewebe herangezogen wird.

Als weiterer Kritikpunkt am Body Mass Index wird angeführt, dass sich auch nicht zwischen Fettmasse und Wasseransammlungen im Körpergewebe unterscheiden lässt. Hiervon sind insbesondere Menschen mit Ödemen oder Aszites betroffen. So besteht auch bei Wasseransammlungen das Risiko, dass ein erhöhter BMI-Wert ermittelt wird, der die Masse des ungesunden Fettgewebes falsch bewertet.

Body Mass Index kennt keine Abgrenzung von Geschlecht und Alter

ERGÄNZENDE RICHTWERTE VORHANDEN

Während der Body Mass Index keine Differenzierung nach Geschlecht und auch nicht nach Alter zulässt, können sich doch genau durch diese beiden Parameter deutliche Unterschiede bei der Beurteilung von ungesundem Körpergewicht ergeben. Der Parameter Körpergröße ist bei älteren Menschen oft aufgrund von Wirbelsäulenverkrümmungen, Bettlägerigkeit und anderen Faktoren nicht genau feststellbar, was in der Berechnung zu fälschlich hohen BMI-Werten führen kann.

Außerdem ist der Faktor Alter relevant, denn nach dem 40. Lebensjahr ändert sich der Stoffwechsel, so dass man natürlich an Gewicht zunimmt. Gleichzeitig verändert sich damit die Zusammensetzung der Körpermasse und das Normalgewicht. In höherem Alter ist dagegen eine Abnahme des Körpergewichts möglich, wenn sich das Gewicht durch den Abbau der Muskelmasse wieder verringert. Dann besteht die Gefahr, dass bei alleiniger Anwendung des Body Mass Index ein Untergewicht ermittelt wird.

In Bezug auf das Geschlecht sind Männer schwerer als Frauen. Männer verfügen nicht nur über mehr Muskelmasse, sondern etwa auch über schwerere Knochen, ein größeres Herz und größere Lungen und erreichen schon insofern ein anderes Verhältnis, wenn es um bei der BMI-Ermittlung um das Verhältnis von Körpergröße zu Körpergewicht geht.

Allgemein gilt der Body Mass Index für Erwachsene ab 18 Jahren. Eine alters- und geschlechtsbezogene Tabelle, die das US-amerikanische National Research Center (NRC) im Jahr 1989 herausgegeben hatte, liefert ergänzende Richtwerte, die nicht nur zwischen verschiedenen Altersgruppen, sondern auch zwischen Männern und Frauen unterscheidet:

Alter BMI Männer BMI Frauen
19-24
19-24
18-23
25-34
20-25
19-24
35-44
21-26
20-25
45-54
22-27
21-26
55-64
23-28
22-27
65+
24-29
23-28

BMI kann auch Art der Fettverteilung nicht ermitteln

APFELTYP UND BIRNENTYP

Auch die Art der Fettverteilung kann der BMI alleine nicht abbilden und sie muss bei der Ermittlung des gesundheitlichen Risikos als persönlicher Risikofaktor neben der Höhe der Körpermasse außerdem berücksichtigt werden. Mediziner unterscheiden zwei Typen, bei denen das Fettgewebe meist schon sichtbar unterschiedlich angeordnet ist.

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Apfeltyp und Birnentyp

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Risiko nach Art der Fettverteilung

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Beim Apfeltyp tritt das Fettgewebe vermehrt im Bereich des Bauches auf, während sich beim Birnentyp das Fett vorwiegend auf Oberschenkel und Hüften verteilt. Mediziner bringen den Apfeltyp mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und einige Krebsarten in Verbindung als den Birnentyp.

Nicht nur optisch, sondern auch durch Messen des Bauchumfangs lassen sich die beiden Typen leicht voneinander unterscheiden. Ein Taillenumfang ab 80 Zentimetern bei der Frau und ein Taillenumfang von 94 Zentimetern und mehr beim Mann, mehr weist auf den risikobehafteten Apfeltyp hin.

Ab einem Body Mass Index von mehr als 35 ist der Taillenumfang allerdings nicht mehr relevant, da das Risiko für die Begleiterkrankungen bei diesem Wert generell schon als erhöht gilt.

Body Mass Index hat sich klinisch bewährt

BEGRENZUNGEN MÜSSEN BEACHTET WERDEN

Der Body Mass Index hat sich trotz aller Kritik als klinisch brauchbar erwiesen und kann zur Beurteilung herangezogen werden, wenn es um die Notwendigkeit medizinisch-therapeutischer Massnahmen geht. Allerdings lassen Experten zur Beurteilung immer auch persönliche Faktoren einfließen, wenn sie das Ergebnis beeinflussen können.

Um persönliche Faktoren nicht nur bei Sportlern mit hoher Muskelmasse und geringem Körperfettanteil, sondern auch bei älteren Menschen außerhalb der BMI-Werte in die Beurteilung miteinbeziehen zu können und falsche Schlüsse zu vermeiden, kommen in der Praxis weitere Analysen und Methoden zum Einsatz. Insofern gilt der Body Mass Index nur als grobes Mass, um krankhaftes Übergewicht oder Untergewicht zu erkennen.

Analysen und Methoden können Body Mass Index ergänzen

BIOELEKTRISCHE IMPEDANZANALYSE & CO.

Ergänzend zum Body Mass Index ist etwa die Bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) anwendbar, die die Körperzusammensetzung auf Basis verschiedener Messprinzipien erfasst.

Die Ganzkörpermessmethode ist ein geeignetes Verfahren, mit dem man unter korrekten Messbedingungen die Fettmasse und die fettfreie Masse im Körper feststellen kann. Dabei wird schwacher Wechselstrom über Elektroden an Händen und Füßen durch den Körper geleitet. Die gemessenen Widerstände ergeben Grundlagen zur Berechnung von:

  • Gesamtkörperwasser
  • Fettmasse
  • fettfreie Körpermasse
  • Körperzellmasse

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Trotz verschiedener Einschränkungen gilt die Bioelektrische Impendanzanalyse als schnelle, günstige und nicht belastende Methode.

WEITERE METHODEN

Die Körperzusammensetzung lässt sich auch mit wesentlich teureren  und aufwändigeren Methoden feststellen, die aber in der Praxis seltener eingesetzt werden. Dazu zählen:

  • Unterwasserwägung (Hydroensitometrie)
  • Computertomographie
  • Kernspintomographie
  • Dual-Röntgen-Absorptiometrie

WICHTIGE HINWEISE ZU GESUNDHEITSTHEMEN

Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte beachten Sie hierzu die weiteren Hinweise zu Gesundheitsthemen

Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2000. Technischer Bericht 894. Adipositas: Vorbeugung und Bekämpfung der globalen Epidemie. Genf

H.K. Biesalski, S.C. Bischoff, C. Puchstein. Ernährunsgmedizin. Nach dem neuen Curriculum Ernährungsmedizin der Bundesärztekammer. 4. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag Thieme. 2010

Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. 267. neu bearbeitete Auflage. Verlag de Gruyter. 2017

Autor: Katja Schulte Redaktion
Datum: 04/2019

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